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Unsere Kultur ist geprägt von der Vorstellung, dass das Denken das Menschsein ausmacht. Descartes hat das untermauert mit dem berühmten Satz: „Ich denke, also bin ich.“ Die Neurowissenschaften und die alten spirituellen Lehren widersprechen dem.
Chris Niebauer beschreibt in seinem Buch „Kein Ich, kein Problem“ sehr anschaulich, mit vielen wissenschaftlichen Belegen, wie uns unser Denken ständig in die Irre führt und Erklärungen konstruiert. Das Denk-Hirn erfindet Interpretationen ohne Rücksicht auf die Realität. Der Zen-Buddhismus sagt dazu ganz unverblümt: „Der Verstand ist ein geschickter Lügner.“

Mein Enkel Niki (4 Jahre) hat eindrucksvoll demonstriert, wie unser Verstand, d.h. die linke Gehirnhälfte arbeitet. Niki kommt nach Hause und erklärt tief beeindruckt: „Mama, Mama, da war ein großes Unglück auf dem Hof. Die sind alle gestorben.“

Die Fakten: Niki war mit seiner Oma an Allerheiligen auf dem Friedhof.

Über so etwas können wir lachen. Jedoch machen wir alle ständig genau das Gleiche. Nur wir bemerken genauso wenig wie Niki, dass wir das Erlebte deuten, in dem wir es mit unseren Erfahrungen und Denkinhalten verknüpfen. Dabei lassen wir Dinge weg, die nicht passen oder die wir nicht kennen. Bei Niki war es „Fried“. Den Begriff Hof kannte er als Bauernhof. Zum zweiten ergänzen wir unsere Wahrnehmungen, um Logik und Kausalität zu erzeugen. Der Verstand möchte verstehen und konstruiert eine „logische“ Geschichte. Für alles gibt es ja eine Ursache. Für Niki war klar, da muss ein „großes Unglück“ gewesen sein, wenn die alle (in den Gräbern) tot sind.

In den 70er Jahren beschrieben Tversky und Kahnemann unser Denken und Urteilen als „Kognitive Verzerrung“ und nannten es Bias (engl. Vorurteil), zu der es inzwischen Tausende von Studien gibt. Es wird dabei in vielen Experimenten bewiesen, dass unsere Wünsche, Überzeugungen und viele automatische Muster unser Denken steuern, auch jenseits jeglicher Logik. Der Digitaldesigner John Manoogian erstellte eine Übersicht mit 184 Bias, die unser Hirn als Abkürzung oder Verzerrung nutzt, um zu einer Erkenntnis oder zu einem Urteil zu kommen. Beliebt ist der Blind Spot Bias, der zu der Annahme führt, die anderen irren, ich liege richtig.

Das Denken ist nicht das eigentlich Menschliche. Logik und Verarbeiten von Informationen können auch Computer. Auch unser Verhalten folgt nicht der Logik. Viel relevanter als der Verstand sind für unser Menschsein Gefühle, Erlebensmomente, sowie die Fähigkeit unser Bewusstsein ständig zu erweitern und über das Denken hinauszugehen. Eine solchen größeren/anderen Bewusstseinsraum betreten wir in den System-Aufstellungen.


In System-Aufstellungen lösen wir uns von dieser höchst problematischen Fehlerquelle, „ich denke, …“ . Wir ignorieren die Prozesse in der linken Gehirnhälfte und öffnen uns für die analoge Wahrnehmung in der rechten Gehirnhälfte, die parallel zum „digitalen“ Denken immer vorhanden ist. Ins Bewusstsein kommen damit andere Informationen und Impulse, wie Beziehungssignale, Gefühle und nonverbale Botschaften, räumliche Informationen und eine Vorstellung von einem größeren Ganzen. Diese haben einen deutlich höheren Wirklichkeitsbezug als das, was uns das Denk-Hirn mit seinen Verzerrungen anbietet.

Nach über 25 Jahren Arbeit mit Aufstellungen, vorrangig im Businesskontext, weiß ich, dass viele Konflikte und Missverständnisse, die einzig aus der kognitiven Verzerrung resultieren, in Aufstellungen oft schnell und nachhaltig gelöst werden, weil es erlebt und nicht gedacht wird. Das, was wir logisch nennen, ist eine von unbewussten Motiven gesteuerte Interpretation, und wenn wir erleben, dass unser Gegenüber eine andere Interpretation hat, entsteht Stress. In Aufstellungen entgehen wir diesen Verzerrungen, indem die analoge Wahrnehmung der rechten Gehirnhälfte aktiviert wird. Wir kommen zu Erlebens- und Erkenntnisprozessen außerhalb unseres Denkens.

Aufstellungen aktivieren die rechte Gehirnhälfte, die eher ganzheitlich und analog arbeitet. Das Aufstellen selbst, das Stehen und der räumliche Bezug der einzelnen Elemente/ Stellvertreter zueinander aktiviert die rechte Gehirnhälfte, die für räumliche Wahrnehmung und für ganzheitliches Erleben zuständig ist, auch für Gefühle und Bilder. Damit wird auf ganz natürliche Art, durch das „Gestellt-werden“ oder „Sich-stellen“ als Stellvertreter, wenn diese ihren Platz im Raum suchen, die Dominanz der linken Gehirnhälfte mit ihren Denkprozessen gestoppt. Das Bewusstsein bekommt seine Inhalte nun von der anderen Gehirnhälfte als Erlebensdimension und als intuitives Erkennen.

Die rechte Gehirnhälfte kann gleichzeitig auf verschiedene Ebenen erkennen, ist in der Gegenwart und erlebt ein Gesamtbild. Sie braucht keine Worte, was in Redewendungen sichtbar wird, wie, „Das lässt sich nicht beschreiben“ oder „Dafür fehlen mir die Worte.“ An die Stelle von „richtig“ und „falsch“ tritt ein Gefühl von „stimmig“ oder „unstimmig“. In einer Aufstellung wird alles erlebt. Das linkshemisphärische Denken dagegen arbeitet digital und sequentiell, ein Gedanke nach dem anderen. Es wandert ständig in die Vergangenheit und in die Zukunft und findet dort alte Geschichten oder Phantasien. Da sie über die Sprache verfügt, werden die Denkinhalte in Worte gefasst und gedacht oder ausgesprochen.

Betriebliche Prozesse, bei denen es um ganzheitliche Dimensionen geht, wie Teamentwicklung, Kulturentwicklung, Strategieprozesse, Konfliktlösungen, Entscheidungen und viele andere Problemstellungen, können durch Aufstellungen hoch effizient optimiert werden. Der Nutzen, die Möglichkeiten und die Ergebnisse sind manchmal fast unglaubwürdig großartig. Inzwischen haben sich auch Online-Aufstellungen bewährt und etabliert, so dass eine Fragestellung in ein bis zwei Stunden via Zoom bearbeitet werden kann und der Reiseaufwand entfällt. Gerne gebe ich dazu Auskunft.

Die Intuition und auch die Subjektivität unserer Wahrnehmungen kommen durch Aufstellungen wieder in unser Bewusstsein. Auch das Erkennen von Zusammenhängen ist eine Bereicherung, insbesondere der Blick auf das größere Ganze. Auf jeden Fall helfen Aufstellungen das Geschehen oder die Probleme in ihren tieferen Ursachen zu erkennen und zu beheben. In diesem Sinne können sie Leidvolles auflösen oder verhindern.

Praxis-Tipps

  1. Sie können Aufstellungen als Familienaufstellung nutzen um Themen aus ihrer Ursprungsfamilie, „alte Geschichten“ aufzulösen.

  2. Sie können Ihrer Gegenwartsfamilie, die Partnerschaft oder Schwierigkeiten der Kinder in ihren Ursachen aufdecken und lösen.

  3. Wichtige Entscheidungen können, auch testweise, in ihren Auswirkungen geprüft werden.

  4. Sie können ihr eigenes Bauchgefühl und damit Ihre Intuition trainieren um das „analoge Gehirn“ zu schulen.

  5. Sie können sich auf den Weg machen, die Welt jenseits der Logik zu erforschen und persönliche oder berufliche Felder zu entwickeln .

Dazu ist mir für Sie eingefallen

Aufstellungen fügen dem Wissen das Wirkende hinzu.

Für Sie gelesen

Chris Niebauer, Kein Ich, kein Problem – Was Buddha schon wusste und die Neuropsychologie heute bestätigt.

Der Autor zeigt anhand der modernen Forschung und vielen Experimenten wie unser Gehirn durch Denkprozesse die Vorstellung von „ICH“ erzeugt und wie unser Denken ständig alles interpretiert. Mit Gedankenexperimenten und Übungen untermauert er seine Ansichten. Er zeigt das Zusammenwirken und die Unterschiede der Arbeitsweise unserer beiden Gehirnhälften. Spannend geschrieben.


Ihr Friedrich Assländer


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